„Altertum“ – Chartersegeln

Eine logische Entwicklung war es, irgendwann auch selber Kommando und Verantwortlichkeit zu übernehmen. Also ein Boot selber chartern und skippern. Dafür braucht man Ausbildung. Mit etwas Erfahrung nach dem Segeln mit Kapitän Mariusz fuhr ich zu einem einwöchigen Kurs nach Gdynia, um dort den polnischen Skipperschein – welches ja auf dem Segelschein aufbaut – zu erlangen. Nach bestandener Prüfung bei 7 Bft glaubte ich, für alles gewappnet zu sein, was die Ostsee einem Freizeitkapitän bietet. So haben wir für den Sommertörn ein kleines Boot – eine kleine Hunter – gechartert. Wir wollten von Heiligenhafen aus das Segeln in der Ostsee ausprobieren.
Warum dieses Boot?
Ich habe mich entschieden, ältere Boote zu chartern. Wenn ich mir mal ein eigenes Boot leiste, dann wird es sicherlich auch ein älteres Boot sein. So kann ich Erfahrung gewinnen. Ich habe keine Angst vor Reparaturen in Eigenregie. Wir sind mit wenig Komfort zufrieden: es ist ein Segelurlaub und kein 5-Sterne Hotelaufenthalt. Ich wollte unbedingt ein Boot mit Steuerrad und Lattengross, im Bereich 26-29 Fuß. Ich nahm die „Chipie“!

Und dann Überraschung: die polnischen Papiere gelten nicht in Deutschland, wenn man einen festen Wohnsitz hier hat, und können auch nicht umgeschrieben werden… Uups. Ich musste noch schnell vor dem Törn den SBF See machen. Wortschatz pauken, Manöver mit einem Motorboot auf der Ammersee üben, dann drei Prüfungen (Sportbootführerschein, Fachkundenachweis Pyrotechnische Signalmittel, Funkzeugnis SRC) schaffen – jetzt dürfen wir segeln.

Jetzt kann man ruhig den Törn planen.

Da gibt’s nämlich die Herausforderung, dass meine Frau am Samstag spät in Kiel ein Konzert hat, und das Boot wird in der Früh in Heiligenhafen abgeholt… ca 30 Meilen segeln, noch evtl. kreuzen – das schaffen wir! Wir haben doch regelmäßig über 50 Meilen am Tag gesegelt, als wir im Mittelmeer ein Boot und einen Skipper charterten… Nun, die Annahme war mutig, am Übergabetag noch so viel Land zu gewinnen… Glücklicher Weise habe ich mich verschätzt: das Konzert meiner Frau (ok, eigentlich war das Meister Penderecki sein Konzert, meine Frau sang nur…) fand doch am Sonntag statt, so haben wir noch einen zusätzlichen Tag, um nach Kiel zu kommen – Ruhe im Schiff – oder?

Samstag, den 17.08.2013

Wir reisen aus Augsburg an. Die Übergabe findet früh am Samstag statt, gegen Mittag wollen wir schon segeln… Deshalb Übernachtung unterwegs. Die Fahrt am Freitagnachmittag erwies sich als anstrengend an, da nicht nur wir auf die Idee kamen, in den Sommerferien aus Bayern Richtung Norden zu fahren… Trotzdem sind wir pünktlich um 9 Uhr am Steg, eine Stunde später erscheint auch der Eigner „ach ja diese Staus“, gemeinsam fangen wir mit der Übernahme an. Alles scheint in Ordnung zu sein. Brennspiritus muss ich noch für den Herd nachkaufen, also eine Ladenrunde… Eine Stunde später haben wir es. Eine weitere Stunde haben wir dadurch verloren, dass ich mir vorgestellt hatte, irgendwo muss ich 5-Liter-Wasserflaschen kaufen können. Falsch, wir sind nicht in Kroatien… Eine weitere Stunde wurde damit verbraucht, dass wir eine Backskiste putzen mussten, da die Vorcharterer dort Diesel aus dem Reservekanister auslaufen ließen… Dann nur noch kurz auf den Taucher warten, dann kurz ab- und anlegen unter der Beobachtung durch den Eigner, OK jetzt können wir los – es ist 15 Uhr, wo soll es heute hin, damit wir Land gewinnen und morgen schneller und stressfrei an unser Ziel – Kiel( ; } )gelangen? Lippe ist nicht gut, weil flach, dann wohl Orth oder Lemkenhafen.

Draußen im Fehmarnsund herrscht ein reger Verkehr – viele Boote laufen schon ein wenn wir auslaufen. Ob wir an unserem Ziel Platz haben? Blick ins Hafenhandbuch – mehr Platz bietet Orth, also nach Orth geht es!

Ohne Ereignisse erreichen wir den Tonnenstrich Orth, bergen die Segel noch bevor es flach wird – es geht so leicht auf dem gut erhaltenen Boot, dann drehen noch eine Runde vor dem Tonnenstrich indem ich die Rollen an die Crew verteile. Mein erstes Konzept ist es, in eine Box am Wellenbrecher mit dem Bug zu gelingen – nach diesem ermüdenden Tag der Abnahme habe ich keinen Bock, mit dem unbekannten Boot „katholisch“ zu drehen. „Da ist eine freie Box!- schreit der Vorschiffsmann, gut wir fahren ein – Dalben verpasst, und zwar von beiden Leinenmännern… Mich packt ein Bisschen Panik, aber die Nachbarn fangen unser leicht treibendes Boot schon ein und lotsen uns ruhig zum Ufer. Motor ab, der Skipper dankt den Nachbarn und der Crew für das Anlegemanöver. Vorher aber noch ein Blick auf die Vorderleinen – zwischen ihnen steht eine rote Plaquette! Uuups, besetzt… dann müssen wir wohl raus… Noch bevor wir rauskriechen, kommt der Hafenmeister, kassiert Hafengeld und meint, wir können tiefer im Hafen im Päckchen liegen, in den Boxen gibt es keinen Platz mehr.

Na gut dann suchen wir im Hafen einen Platz für Päckchen. „Dürfen wir bei Euch?“ „Nein, da kommt noch unser Kumpel“ – nach X Variationen dieser Antwort entscheiden wir uns für einen Platz in der dritten Reihe, nebst ein verlassenes Boot. Fender raus, schön aufgestoppt, Mann rüber, Leinen rüber, Motor aus, wir stehen!!! Zwar werden wir in dieser Nacht keinen Strom haben (dritte Reihe und Steg – zu weit…), zwar habe ich vergessen, den Hafenmeister um das Code zur Toilette zu fragen (steht unter am Kassenzettel, was ich nach den Ferien entdeckte…) aber wir können uns ausruhen, in der Taverne richtig essen, und dann ruhig schlafen.

Sonntag, 18.08.2013

Die Wettervorhersage warnte vor Wind mit Stärke 5 und Böen bis zu 8 Bft. Wir mussten aber nach Kiel – außerdem meinte ich, Windstärke 5 sei nichts Außergewöhnliches für das Segelboot der Ostsee. Bald nach dem Auslaufen verdunkelt sich der Himmel, die Böen werden häufiger und die Wellen steigen auf eine enorme Höhe von 1 Meter, vielleicht sogar 1,20 m. Wir reffen! Die Fock – einfach, eingerollt. Die Groß – komplizierter, der ältere Sohn Jeremi muss am Mast die Reffkausch einhängen, während der Jüngere Mieszko die Großfall fiert. Aber die Zusammenarbeit klappt nicht – ist auch nicht geübt! Ich stehe am Ruder und schaffe es nicht, das Boot stabil gegen Wind zu halten, die Groß fängt den Wind immer wieder und ich sehe wie es Jeremi ängstlich wird. Entscheidung: Segel bergen! Wir wollen Richtung Land motoren und Schutz von Wellen aussuchen, um in der Ruhe überlegen. Jetzt steht der Ältere am Ruder und ich am Mast (wie es vom Anfang an sein sollte), schnell ist der Segel mit Hilfe von Lazy Jacks geborgen und provisorisch am Baum befestigt.

Jetzt fängt die unruhige Motorfahrt gegen Wellen und Wind an. Mit 15 PS schaffen wir kaum Fahrt über Grund. Das Stampfen ist ermüdend und ich höre wie die Schraube aus dem Wasser immer wieder ragt – nicht gesund für den Motor. Segeln wäre viel ruhiger!

Nach einer Stunde sammelt die Crew wieder Mut, um gereffte Segel zu setzen. Jetzt klappt es sofort, die Reffkausch einzuhängen, die Bändsel zu binden – wir segeln bis zum Ende der heutigen Fahrt auf dem zweiten Reff. Auch wenn sich das Wetter später beruhigt hat, hat die Crew genug von Lage und Wellen auf dem Leebord. So habe ich gelernt, dass die Windstärke nicht absolut, sondern in Relation zu der geistigen Verfassung und Fähigkeiten der Crew steht.

Langsam erreichen wir Kiel. Die Navigation um die Sperrgebiete klappt ganz gut. Viel Großschiffsverkehr in der Förde – wir wollen aber rüber, nach Schilksee oder Strande – besser erreichbar mit den Öffentlichen vom Kieler Schloss aus. Wegen später Stunde wähle ich Strande – ich vermute Schilksee ist mehr ausgelastet. Diesmal erwischen wir schnell einen freien Platz in der Box und legen ganz ohne Unterstützung an. Das war ein anstrengender, aber lehrreicher Tag.

Agnieszka kommt mit den öffentlichen Verkehrsmittel nach ihrem Konzert wie geplant an. Wir sind überrascht, dass die Busse trotz der später Stunde so oft noch verkehren (bei uns ist es nämlich nicht so!).

Montag, 19.08.2013

Nach den Ereignissen von gestern gönnen wir uns einen Hafentag, insbesondere dass die Windstärke bei 0 liegt. Wir besichtigen Kiel. Schade, dass das Schifffahrtsmuseum zu ist. Aber ansonsten ist es immer interessant, eine Hafenstadt zu besichtigen.

Erste Reparatur am Boot – ein Schlauch hat sich bei der Süßwasserpumpe gelöst, die Pumpe pumpt in die Bilge und nicht in die interne Wasserleitung…

Dienstag, 20.08.2013

Wir wollen unseren Plan endlich mal realisieren und der Dänischen Südsee näher kommen. Da wir aber schon übermorgen zurück nach Heiligenhafen müssen, und die Wettervorhersage kaum Wind für die nächsten Tage vorsieht (ist das normal für die Ostsee?), kommt nur Bagenkop in Frage. Morgen schauen wir, ob wir bis nach Marstal schaffen.

Also Leinen los, Kieler Förde Westseite entlang. Dank Düseneffekt in der Förde können wir sogar Segel setzen und stolze 4 Knoten erreichen – nur bis zum Leuchtturm Kiel, dort herrscht Flaute. Segel runter, Motor an, mit 3 Knoten tuckern wir vor uns hin. Es wird ein langer Tag.

Irgendwann am Nachmittag kommt noch der Wind – 2 bis 3 Bft, Südwest – sehr passend! Segel setzen! So schön kann das Leben sein! Auch Danebrog wird gesetzt, die Küste im Norden (Aero) ist jetzt näher als die deutsche Küste im Süden. Zwar haben wir keinen Plotter, die GPS Anlage am Schiff zeigt nur die Koordinaten an – deshalb laufe ich ständig in die Kabine, zur Karte. In Kürze erreichen wir Bagenkop, da muss ich schauen wo Untiefen lauern… Und Bullenständer lohnt sich natürlich nicht zu setzen…

„Schatz jetzt stehst Du am Ruder“

„Aber…“

„Kein >aber<, ich muss in die Karte schauen“

„Dann hol die Karte hier oben“

„Blasphemie! Du hältst einfach den raumen Kurs, und ich bin in 10 Minuten wieder bei Dir“

„Das wird schon schiefgehen…!!!“

Rummss! :O Patenthalse!

Bei zunehmendem Wind und Wellengang von Achtern war die unerfahrene Rudergängerin nicht im Stande, den Kurs präzise genug zu halten. Glücklicherweise hatten wir den Baum nicht an den Wanten gelegt, sondern die Talje hat die Bewegung des Baums begrenzt. Der Steuerstand, wo die Talje befestigt ist, hat einen Schlag erlitten, und die Instrumente sind ausgefallen. Am gefährlichsten ist der Ausfall des Echolots.

Umdenken. Der Sohn Jeremi wird jetzt zum Navigator ernannt und rennt zwischen Kabine und Plicht. Der Skipper steht am Ruder, und die Rudergängerin hat heute bis zum Ende des Tages frei, um sich vom Schock zu erholen.

Der Wind erreicht 4 Bft, das Boot erreicht die Rumpfgeschwindigkeit von 7,5 Kn, was die Stimmung aber nicht allgemein erhellt, da die Crew jetzt schon wieder Schiss hat. Nie wieder raumer Kurs ohne Bullenständer!

Die Einfahrt nach Bagenkop ist einfach, abgesehen von den vielen Fischernetzen in der Nähe – dort wo ich eigentlich noch ein Paar Manöver mit der Crew fahren wollte – und von vielen Fischer, die jetzt gerade einlaufen.

Im Hafenbecken ist es ruhiger : die Wellen bleiben klein, der Wind treibt aber ganz schön und seitlich der Boxen. Die erste von mir angepeilte Box verpassen wir und ich lande quer zur Box an den beiden Dalben – der Motor hält uns gegen Wind, der Jüngere mit dem Achterspring an der künftigen Luvdalbe – eigentlich ist die Situation stabil, jetzt könnte ich überlegen, wie das Anlegemanöver besser zu gestalten ist. Leider ist die Ruhe zum Überlegen nicht gegeben – die Crew meckert „Was nun, was nun?“, die Nachbarn eilen zu Hilfe…

Nächstes Mal muss ich die folgenden Elemente noch in die Manövervorbereitung einplanen:

  • Die Crew folgt nur den Befehlen des eigenen Skippers
  • Der Crew muss erklärt werden, was eine „stabile Situation“ bedeutet und wozu sie gut ist

Die Nachbarn sind sehr sympathisch und führen uns ganz schnell in unsere Box ein, mit vollem Verständnis für uns Anfänger. Dann tauschen wir Seemannsgeschichten aus… Im Steuerstand ist die lockere Stromverbindung der Instrumente schnell gefixt – morgen haben wir die Instrumente wieder! Ein schöner Abend!

Mittwoch, 21.08.2013

Auf unseren Ausflügen wollen wir auch etwas sehen, besichtigen. So auch in Bagenkop – in der Nähe befindet sich das Kaltkriegsmuseum, was für die Jungs interessant sein kann. Auch für mich, natürlich – noch zu meinen Zeiten haben sich die tapferen Soldaten der Polnischen Volksarmee auf eine Seelandung in Dänemark an der Seite der unbesiegbaren Roten Armee vorbereitet. So können wir durch die schöne Landschaft der Insel Langeland wandern, und die Jungs schnappen ein Bisschen Geschichte außer Schulstunden.

Erst am frühen Nachmittag sind wir zurück im Hafen. Wir werden heute nicht großartig Land gewinnen können – wir entscheiden, vor Bagenkop Manöver zu fahren, und sonst den Tag für die allgemeine Einarbeitung der Crew zu nutzen. So üben wir fleißig Wende, Halse, Beiliegen, … Das hätten wir am Anfang des Törns machen sollen, aber das Wetter spielte nicht mit!

Am Abend sind wir in Bagenkop zurück, und wir sind eine bessere Crew. Die netten Nachbarn von nebenan (die sind nicht ausgelaufen – Eigner eilen nicht) hielten uns die Box als reserviert, jetzt dürfen wir auf der roten Plaquette parken! Das Anlegen klappt perfekt – kein Wunder bei wenig Wind – oder werden wir besser? Dann gibt es wieder Seemanngeschichten, Gitarre, Gesang, und Wein.

Noch am Abend spricht mich ein Mann an – die Hunter hat ihm aufmerksam gemacht, von diesen amerikanischen Booten gibt es nur sehr wenige in der Ostsee.

Donnerstag, 22.08.2013

Heute müssen wir die Rückfahrt anfangen, um am Freitagnachmittag ohne Stress frühzeitig die Abgabe durchzuführen. Es erwartet uns noch eine 1300 km Autofahrt in die alte Heimat-Polen wo es weiter mit Urlaub geht…

Blick in die Wettervorhersage für heute: 0-1 Bft, keine Welle. Hallo, bin ich in der Ostsee? :/ Wir motoren… So dauert die ganze Strecke ziemlich lange, aber wir verkürzen sie durch Essen, Gespräche, Gesang (diesmal ohne Wein). Wir gehen abwechseln rudern. So erreichen wir Flügesand, wo… der Wind kommt! Jetzt am Ende der Tagesstrecke! Wir kommen jetzt schön kreuzend in die Fehmarnsund. In der Düse dort entwickelt das Boot wieder die Rumpfgeschwindigkeit von 7,5 Kn. Erstaunlich, nach dem ganzen Tag Flaute! Die Crew meckert „zu viel Lage!“ obwohl wir auf der Leeseite reichlich noch 0,5m Freibord haben. Na gut, für heute machen wir Schluss – es ist eh spät. Später mache ich noch Seeleute aus ihnen.

Nur noch schnelle Entscheidung: Orth oder Lemkenhafen – es kann schon wieder voll sein, da ist mir Orth lieber, da Lemkenhafen angeblich wenig Möglichkeiten für Päckchen bietet. Und tatsächlich müssen wir in Orth ins Päckchen – diesmal haben wir ganz nette Nachbarn, die morgen ebenfalls nach Heiligenhafen zur Charterrückgabe müssen.

Das letzte Abendmahl auf der „Chipie“, das letzte Party mit Seemannsliedern, das letzte Mal Wettervorhersage holen und Strecke planen… Seufz…

Als Ergänzung des Abends besuchen wir Ingo, unseren Bekannten aus Bagenkoop der nach Hunter gefragt hat und den wir hier nochmals treffen.

Freitag, 23.08.2013

Heute werden wir das kleine Boot, das uns eine Woche lang beheimatet hat, abgeben. Wir müssen so um 15 Uhr in Heiligenhafen am Steg sein, wir können also uns noch ein Manöververgnügen im Fehmarnsund gönnen.

Im frischen Ostwind kreuzen wir die Sund hoch. Navigationsübung, denn südlich des Fahrwassers liegen Steine, nördlich davon wird es schnell Flach. So lernen wir ganz schnell zu koppeln und zu peilen. Die Strömung setzt noch zusätzlich ein – unter Segeln könnten wir jetzt die Fehmarnbrücke nicht passieren! Wir wenden also ab, und wollen Halsen üben. Raumschots sind wir wieder ganz geschwind, die Crew meckert aber wieder „zu viel Lage!“ Es wird auch langsam Zeit, den Hafen anzusteuern. Betanken, ausmustern, auf den Eigner warten… Wir geben das Boot ab und beenden unseren ersten selbständigen Törn.

 

* * *

 

Dem folgten weitere Charter-Segeltörns. Noch 2013 war ich ein Skipper in der Firmen-Flotilla in einem Törn welcher als Firmenevent durch meinen damaligen Arbeitgeber organisiert wurde. Mit den netten Kollegen aus den anderen Standorten der Firma haben wir die Dänische Südsee bis zum Svendborg besucht, und ich habe an jenem Törn sehr wertvolle Erfahrungen gesammelt.
Ein prägendes Erlebnis war, wenn mein erster Offizier mal sagte „Wenn ich endlich mein Segelboot habe, dann …“ In dem Moment dachte ich mir, das: „für einen Software Ingenieur wie mich muss es möglich sein sich ein Segelboot noch vor der Rente anzuschaffen “.
Nächstes Jahr (2014) wollten wir wieder einen Familientörn in der Ostsee machen. Mein älterer Sohn wollte aber nicht mit. In der Überzeugung dass wir unbedingt zu viert sein müssen habe ich einen Freund von mir zum Törn eingeladen. Diese Mischung Familie und Freund war auf dieser Etappe unseres Hobby keine gute Idee, denn wir hatten uns noch nicht als Crew eingespielt. Der Törn an sich war aber ganz gelungen: in zwei Wochen – was an sich als Charterlänge eine supergute Idee war – sind wir rund Fünen gesegelt, dabei Schönes gesehen und erlebt. Eine gelungene Erfahrung war die Törnplanung nach Wettervorhersage. Mit drei Tagen Vorlauf kann man schon eine gewisse Sicherheit gewinnen, und dann die Strecke so planen, dass man nicht ankämpft, und trotzdem vorwärts kommt.

Im Sommer 2015 haben wir wieder einen gemischten Törn durchgeführt – ein anderer Kumpel fuhr mit seiner Freundin mit uns mit. Dies haben wir sogar als eine Art Training geplant – der Kollege Max hatte nämlich eine viel größere Erfahrung. Dafür musste ich aber meine Idee, ältere schäbige Boote über Charter kennenlernen, ablegen, denn die Freundin war ein Neuling in der Segelszene und wir wollten ihr das Hobby nicht mit Dieselgestank und Reparaturen versauen.

 

* * *

Dies haben wir im Sommer 2016 nachgeholt. Der zweiwöchige Chartertörn auf einer Vindö 40 war unter vielen Ansichten prägend. Der als Familientörn (3 Personen: der jüngere Sohn Mieszko, Agnieszka und ich) organisierte Törn erlaubte uns mehr ambitionierte Ziele:Ausprobieren eines Bootes, welches in die Richtung des Zielbootes führen würde (auch wenn das Zielboot noch nicht konkret bestimmt ist, wissen wir schon, dass es nicht mit denen verwandt sein wird, welche man normaler Weise chartern kann)

  • Ausprobieren der Lebensbedingungen auf dem kleinerem Boot auf eine „längere“ Zeit
  • Versuch längerer Tagesstrecken – inklusive Nachtfahrten – also „Simulation“ einer Langfahrt.
  • Sammlung der Erfahrung mit einem „alten“ Boot
  • Als Törnziel haben wir Bornholm gesteckt, in zwei Wochen soll es möglich sein, dorthin und zurück zu segeln. Die Crew spielte mit, wir wollten uns alle steigern. Nur mit der Idee der Nachtfahrt ganz am Anfang des Törns ist meine Frau Agnieszka sehr unzufrieden. Ich bin jedoch der Meinung dass man die Elemente, die mit dem meisten Risiko verbunden sind, am Anfang des Törns packen soll, wenn es noch Zeitreserven vorhanden sind.
    Nach der Übernachtung unterwegs sind wir zeitig im Hafen Ortmühle. Das Boot wartet schon auf uns und sie ist hübsch zum Verlieben. Leider sieht man auch ganz schnell der Dame ihr Alter an, indem einige Schapps feucht sind. Die formelle Übernahme ist dagegen ganz kurz. Wegen Starkwind können wir die Segel nicht ansehen, wir kucken uns ganz genau das Rigg an. Die Rutscherschiene am Mast ist unten ganz abgenutzt und „man soll das Groß eigentlich nicht reffen. Bei Starkwind fahren Sie einfach nur mit der Genua“, wie uns der Vercharterer erzählt. Wann Starkwind ist müssen wir selber erraten, denn einen Windmesser gibt es am Schiff nicht.

    Am nächsten Morgen (07.08.2016) hat sich der Wind etwas gelegt, oder wir haben uns dem Pfeifen in den Wanten gewöhnt, die Prognose verspricht 5 Windstärken – etwas viel für die Landratten, aber was soll das – wir haben ein gutes Boot und Ambitionen. Da wir die Westwindlage haben, wollen wir den Plan „Bornholm“ realisieren. Dazu fahren wir heute nur unter gerefften Genua, wie der Vercharterer empfiehl. Die Fahrt vor dem Wind verursacht aber ein markantes Rollen, deshalb kreuzen wir vor dem Wind. Das Boot segelt schön mit 6 Knoten, manchmal mehr. Das Rollen ist nicht wirklich schrecklich, doch es stellt unsere Determination für den langen Schlag in Frage. Die Küche ist nicht aufgehängt, sodass wir unterwegs nichts kochen können. Es gibt keinen Abwassertank. Es fehlt die Möglichkeit, die Pinne festzubinden, Einmannwachen in der Nacht sind also nicht möglich. Essentiell ist es aber, dass die Fahrt der Crew keine Freude mehr bereitet. Eigentlich ist es einigen ganz unwohl. Bei unseren vorherigen Törns konnten wir bei Schönwettersegeln in das Hobby wieder hineinwachsen. Diesmal wurden wir mit Wellengang konfrontiert bevor uns Seebeine wachsen konnten.
    Es wird also keine Langfahrt heute. Wir peilen jetzt Kühlungsborn als Ziel an. Dort sicher angekommen, verbringen wir auch den nächsten Starkwindtag. Diesen nutzen wir für einen Ausflug nach Bad Doberan, ich gebe aber den Bornholmplan wegen Mangel an Zeitreserven auf.

    Am 09. August hat sich der Wind soweit beruhigt, dass wir aus dem Hafen wagen. Wegen der Welle wollen wir aber nicht wirklich die die offene See stechen, wir halten uns nah an die Küste und erreichen Warnemünder Hafen Hohe Düne. Unter Abdeckung des Wellenbrechers bergen wir die Segel und dann, schon im Hafenbecken, bereiten Fender und Leinen vor. Nach einem Anlegemanöver , welches mit Hilfe von Nachbarn klappt, gehen wir, das hübsche Städtchen Warnemünde zu besichtigen.

    Am nächsten Tag wollen wir endlich Strecke machen. Bornholm gabe ich schon mental ausgeschlossen, aber nach Klintholm sollen wir schaffen. Mit dem Westwind werden wir auf halben Wind die Strecke schnell machen, und ich verspreche mir etwas Landabdeckung von den Wellen durch die Lolland Küste. Vorher müssen wir noch das VTG Kadettenrinne queren, das tun wir vorschriftsgemäß senkrecht zur Fahrwasserachse und komplett ohne Ereignisse. Nur aus der Ferne beobachten wir Motorschiffe die dem VTG entlang donnern und bewundern, wie schnell sie ankommen und dann wieder verschwinden. Eine Nachtfahrt hier wäre… spannend.

    Jetzt sind wir angekommen, und mit uns nähern sich auch Gewitterwolken dem Hafen. Wir wollen schnell die Segel bergen, aber schnell geht es nicht. Die Rollanlage hat sich verhakt. Ich muss zum Bug und den Roller per Hand drehen. Natürlich ohne Segelhose, denn viel Zeit haben wir nicht – sonst sind wir zu nah an die uns unbekannte Küste. Und natürlich bekomme ich einen Überkommer. Als ich mit dem Fluchen fertig bin (mit dem Rollen noch nicht), materialisiert sich die Gewitterwolke in der Form eines heftigen Regenschauers, sogar mit Hagel.

    Nie wieder auf den Vordeck ohne Segelhose.

    Als wir dann im Klintholm Hafen am Kaikopf festmachen, ist das Wetter wieder schön und wir können den Abend nach unserem ersten langen Schlag so wirklich genießen.
    Damit die Strecke, die wir machen, auf der Europa-Karte sichtbar wird, wollen wir jetzt den Besuch in Schweden wagen. In Schweden war ich immer nur in Stockholm, beruflich. Jetzt möchte ich etwas Anderes sehen. Die Rückfahrt kann sich kompliziert darstellen, da wir wahrscheinlich gegen Wind kreuzen müssen – diese Erfahrung möchte ich auch mit diesem Boot sammeln.

    Zügig segeln wir entlang der malerischen Kliffen von Mön. Raumschotts rauschen wir dem schönen Schonen entgegen. Es überholen uns die Fähren nach Trelleborg. Dorthin können wir nicht, wir müssen eine der Marinas in der Nähe wählen. Die Beschreibung der Marinas Skaore und Gislövs Läge sind wenig einladend. Weniger schlimm scheint uns Gislövs Läge zu sein. Dann segeln wir entlang der Küste, die wenig markante Stellen aufweist.
    Zum ersten Mal wissen wir nicht mit ausreichender Genauigkeit, wo wir sind! Sollen wir jetzt hier warten, bis die Richtfeuer erscheinen, oder näher ans Land kommen, um die Ansteuerungstonne zu sehen? Wir wählen den dritten Weg und peilen mit Garmin den Hafen an, so finden wir ihn endlich.
    Gislövs Läge ist eine verschlafene Ortschaft mit einem recht verlassenen Hafen. Nur ein weiterer Gastsegler ist dort eingelaufen, mit der Crew haben wir einen netten Abend verbracht. Am nächsten Tag haben wir Trelleborg besichtigt; die Anbindung aus Gislövs Läge findet mit einem Touristenbus statt.

    Am 13. August wollen wir unsere Rückreise antreten. Die Wettervorhersage erzählt vom Gegenwind mit der Stärke bis zu 6Bft und 2m Wellen, ich will ausprobieren, wie eine Vindö sich bei so widrigen Bedingungen verhält, wir segeln also mutig los.
    Schöne Sonne und nicht allzu viel Wind. Wir ziehen Ölzeug an, weil es sicherlich nass wird. Wir cremen uns schön gegen Sonnenbrand ein. Dann frischt der Wind auf und erreicht die vorhersagten 5 Stärken.

    Kreuzen gegen Wind zeigt sich wenig erfolgreich. Nach 3 Stunden gewinnen wir nur 2-3 Seemeilen. Wir versuchen also mit dem Motor. Aber gegen Wind und Welle schafft der Motor nur 3 Knoten über Grund, mit viel Krach und Vibration. Die Welle steigt noch und erreicht weit über die vorhersagten 2 Meter. Nach einer Stunde schalten wir den Motor aus. Mit gut gerefften Genua und Groß auf dem 2. Reff (also kleinst) schaffen wir jetzt 5 Knoten in die allgemein richtige Richtung der Moen-Kliffen, wo ich mir Windabdeckung verspreche.

    Wind und Welle nehmen ständig zu. Die Welle mit vielleicht 4 Metern lässt sich nicht ausreiten – wenn die vorherige noch unseren Heck anhebt, schneidet der Bug schon in die nächste ein. Stundenlang kämpfen wir uns jetzt Richtung Süden. Ich mache mir langsam Sorgen, wie wir bei der Grundsee in Klintholm einlaufen werden. Wahrscheinlich wird es auch noch dazu dunkel. Unmittelbar macht mir der Wind sorgen – er steigt und steigt, wir böhiger. Jetzt kriegen wir im Cockpit eine Menge Spritzwasser.

    Wir haben keine Sorgen, dass wir kentern, weil das Boot wirkt sehr zuversichtlich – die Stabilität wächst sehr deutlich mit der Krängung zu. Aber das Schlagen des Vorsegels macht mir echt Angst. Wir drehen bei. Die Situation wird gleich gemütlicher – bei starker Krängung kriegen wir kein Seegang mehr. Zwar muss ich die Pinne ganz stark halten, wir haben aber die Zeit um die Situation zu diskutieren. Es treibt uns zu sehr nach Osten, um in die Deckung von Kliffen zu kommen. Vielleicht wenn wir wenden, finden wir Schutz in der Faxe-Bucht. Und es wird einfacher sein, nach Roedvig zu kommen – denn Klintholm geben wir auf. Bei so starkem Südwestwind wäre es eh riskant, dort anzulaufen.
    Die Wellen sehen jetzt bedrohlich hoch aus. Die abendliche Stunde und unsere Aufregung lassen sie noch höher aussehen als sie sind, aber einige von denen haben bestimmt 4 Meter oder mehr. Wir fahren jetzt gegen Westen, in der Hoffnung, in der Faxe-Bucht einen geringeren Wellengang zu finden. Eigentlich macht uns der Wellengang nur ein wenig Sorgen, wirklich anstrengend ist er nicht. Sollten wir aber Motor brauchen, könnte er gegen die Wellen nichts.
    In der Nacht heißt es nur noch Geduld zu haben. Wir sehen schon das Leuchtfeuer Hojerup. Wir müssen aber Kräfte schonen, um die ganze Nacht noch auszuhalten. Abwechselnd schlafen wir, zwei Leute sind immer im Cockpit, angeleint. Auf rechtem Bug gewinnen wir Höhe, genau zwei Stunden lang bis wir die Untiefen der Faxe-Bucht erreichen. Auf dem linken Bug entdecken wir die Lichter, die Roedvig sein müssen. Es ist die dunkelste Stunde der Nacht, vor der Dämmerung wollen wir nicht einlaufen (weil wir bisher immer eine helfende Hand brauchten). Also wenn ich um 3 Uhr Nachts die Ansteuerungstonne im Abstand von 1 Meile ausmache, halsen wir zurück. So dauert es das bis sich der Himmel im Osten hell färbt. Dann fahren wir in Roedvig ein. Der Anlegemanöver ist selbständig und perfekt.

    Am Morgen ist Schlafen und sich Erholen angesagt. Erst aber werfen wir den Heizlüfter an und trocknen alles was sich trocknen lässt. Nach dem Schlafen besichtigen wir die Marina mit vielen schönen Booten, kaufen ein (endlich 5-Kronen Münzen – endlich Duschen!), und lassen den Tag entspannt mit Gitarre und Gesang ausklingen. Vorher bauen wir noch die Cockpitbude auf – eine neue Erfahrung. Da haben wir etwas an allen den kühlen Abenden in Kühlungsborn und Klintholm verpasst.

    Am nächsten Tag ist Sommersegeln – mit dem schwachen Westwind fahren wir aus Roedvig nach Klintholm, was ohne Ereignisse verläuft. Dann segeln wir Richtung Deutschland, was bei immer schwächeren Wind länger dauert als geplant – wir segeln über Nacht. Diesmal ist es eine sehr ruhige Nacht, fast ohne Wind. Wir üben Nachtwachenwechsel: einer geht schlafen in die Kajüte, einer döst im Cockpit, und einer hält die Pinne und die Augen auf. Dieser Nachtschlag bringt uns nach Burgtiefe auf Fehmarn, von dort ist es nur ein Katzensprung zur Rückgabe des Bootes.

    Im Fehmarnsund herrscht ein reger Verkehr. Trotzdem wollen wir nicht motoren, sondern wir kreuzen fleißig. Diesmal schaffen wir den Wendewinkel von 90 Grad, ich bin überrascht wie flott das geht. Sind wir jetzt eine eingespielte Crew? Haben wir das Schiff kennengelernt?

    Am Freitag in der Früh packen wir unsere Sachen und machen das Schiff klar zur Abgabe. Die erfolgt pünktlich und beidseitig ohne Beanstandungen. Auch der Firmenchef Herr Gökemeyer schaut vorbei und wir tauschen uns über die Vindös aus. Die „Lille Oe“ ist bestimmt nicht die letzte Vindö, die wir segeln.

    * * *

    Ende Mai 2017 haben wir einen weiteren – und bisher letzten – Chartertörn durchgeführt. Wir haben wieder bei Charership einen Klassiker gechartert – leider keine Vindö – auf diesen Typ haben wir uns schon eingeschossen, wie es schien – die waren nicht mehr für unseren Wunschtermin verfügbar. Diesmal segeln wir eine Hallberg Mistral. Unser Wunsch ist – wieder – Bornholm, aber diese Planung wird durch das Wetter geändert: für die ersten Paar Tage weht ein Ost-Süd-Ost Wind, sodass unser Törn zu einem Bummel in der Dänischen Südsee wird.

    Dort haben wir sehr schöne Tage auf den kleinen Inseln, in den kleinen Häfen wo keine Chartererpulks anlegen, verbracht. Da wir auch Klppfahrräder an Bord hatten, konnten wir die Insel Äroe durchqueren. In Aerösköbing haben wir einige Vindö-Segler erlebt, wie sie sich auf das jährliche Vindö-Treffen vorbereiteten. Die Idee Vindö verfolgte uns, wie es schien.

    Dann sind wir in Marstal eingelaufen, die Wetterprognose bedeutete nichts Gutes. Kurz nach uns kamen Ingo und Monika mit ihrer „Antares“ an – das war das erste Treffen nach den Jahren der Fernfreundschaft. Mit ihnen waren die drei Tage Starkwindwetter, die wir in Marstal verbringen mussten, sehr angenehm.

    Danach war er nur der Ritt nach Ortmühle, wo die Übergabe des Bootes unseren Charter abschloß. Gefrühstückt haben wir am Bord der Antares, und dann… Fuhren wir nach Fehmarn, um eine zum Verkauf ausgestellte Vindö 45 zu besichtigen. Daraus wurde später unsere „Anna Karin“…