Törn August 2020 – große Pläne

von Mikolaj Trzeciecki am 14.11.2020 / in Allgemein

Endlich kommt mein Urlaub und diesmal Corona-Auflagen sollen unsere Pläne nicht durchstreichen. Und wir hatten große Pläne – wir wollten in die Alte Heimat, mindestens nach Kołobrzeg (Kolberg), um polnische Jachtwerften und sonstige Dienstleister zu erkundigen. Wir sind mit unseren bisherigen Dienstleistern unzufrieden, aber das wäre ein Thema für einen anderen Beitrag.

Mit so großen Plänen wollen wir so schnell wie möglich lossegeln. Wir fahren am Freitagfeierabend von zu Hause aus und kommen am späten Abend in die Verein an und planen, morgen früh die Leinen los zu werfen. Doch nach der Ankunft müssen wir Freunde begrüßen, und in der Früh (nach dem Ausschlafen) müssen wir dem und jenem bei den Arbeiten an ihren Booten helfen… So sind wir bereit am frühen Nachmittag. Das ist spät für die 60 Meilen bis zum ersten Hafen im Osten. Wir segeln trotzdem nach Hohe Düne los, um wenigstens diese Strecke zu machen. So haben wir am nächsten Tag etwas näher, bei der Gelegenheit nutzen wir das sauberere Wasser im Hafen Hohe Düne um zu tauchen und Rumpf unseres Bootes vom Bewuchs zu reinigen.

Am Sonntag 2. August schaffen wir es, früh aufzustehen und so segeln wir um 8:15 gegen Osten… Oder eher Nordosten, wir müssen noch Dars sowie Inseln Rügen und Hiddensee umrunden. Wir segeln raumschots mit schwachem Wind. Genua, ein Bisschen hinten dem Groß versteckt, arbeitet nicht optimal und fällt immer wieder ein. Das macht Lärm und erhöht Materialverschleiß. Bei Schmetterling fällt Genua noch mehr ein. So versuche ich, die Genua mit dem Spinnakerbaum zu stabilisieren. Die Resultate sind bescheiden, aber besser als nichts.

So erreichen wir Dornbusch auf Hiddensee. Vor dem Tonnenstrich treffen wir eine größere Jacht, die eigentlich kurshaltepflichtig wäre. Über Funk verständigen wir uns, dass die nicht in den Tonnenstrich fahren, sondern hier vor Dornbusch ankern wollen. Das wäre auch für uns keine schlechte Idee: das Gewässer ist bei der aktuellen Windlage geschützt, und wir würden uns die heutige Fahrt hin, und morgige zurück in den Tonnenstrichen vor Hiddensee ersparen. Wir entscheiden aber dagegen: ankern haben wir noch nicht geübt, und wenn das schief geht, müssten wir die nichtbefeuerten Tonnenstriche im Dunkeln befahren. Wir fahren also die uns vom Vorjahr bekannten Fahrwässer nach Langenort, wo wir kurz nach Sonnenuntergang ankommen.

Wir integrieren uns mit netten Nachbarn nicht, sondern gehen früh schlafen. Am Montag 3. August stehen wir um 06:30 auf. Schon um 7:30 werfen wir die Leinen los. Nach dem passieren der Tonnenstriche winken wir Dornbusch zu und legen den Kurs nach Nordosten an, der uns in das uns bisher unbekannte Gewässer vor Kap Arkona führt. Dort war mal ein Heiligtum des slawischen Gottes Svantewid. Wir meditieren über die Geschichte nicht sondern grübeln über das Verhalten unseres Kühlschranks: offensichtlich ist er an, aber die Sachen die wir herausnehmen sind warm. Mich schauert es vor der Vorstellung, dass wir hier eine Panne haben. Prophylaktisch essen wir alles auf, was schnell schlecht werden kann.

Nach dem Passieren von Arkona und Königsstuhl legen wir uns auf den Kurs in die Richtung Saßnitz. Es segelt sich ganz ruhig raumschots. Aber plötzlich steigt unser Autopilot aus, mit einer Fehlermeldung dass die elektrische Spannung nicht ausreicht! Was ist denn los? Eine nächste Panne? Mit den Batterien muss alles in Ordnung sein, wir laden doch jede Nacht in den Häfen! Ich mache doch den Batteriekasten auf und schaue mir es kritisch an – die Klemmen des Ladegeräts sind andersherum angeschlossen. Schuld war die Eile am Freitagabend. Das erklärt gleichzeitig die Probleme mit dem Kühlschrank.

In Saßnitz angekommen, stöpseln wir uns an die Stromversorgung an, diesmal mit Klemmen richtig angeschlossen. Die Batterien sind tatsächlich entladen, Voltmeter zeigt 11,43V. Ich muss noch zum Ausrüster rennen, denn wir haben keine Seekarte der polnischen Küste mit, und wir halten am Plan, dorthin zu segeln. Das noch vor Ladenschließung geschafft, gönnen wir uns Essen in einem Restaurant. Morgen wollen wir früh los, deshalb verzichten wir wieder auf einen Integrationsabend mit Nachbarn – einer netten Familie mit Kleinkindern. Wir schlafen gut während die Batterien laden.

Dienstag, 4. August. Die Prognose zeigt, dass wir nur 2 Tage mit einem für unsere Fahrt nach Osten günstigen Wind haben. Danach sollen einige Tagen Flaute folgen. Der Plan ist also heute nach Świnoujście (Swinemünde) zu kommen und morgen nach Kołobrzeg (Kolberg). Wir segeln früh los. Der achterliche Wind wird immer schwächer, wir versuchen den Gennaker zu setzen. Der ist von der Reinigung leider ohne Socke zurückgekehrt, das Setzen ist entsprechend schwierig. Wir turnen zu dritt auf dem Vorschiff bis wir bemerken, dass der Wind jetzt vom Vorne kommt. Ich renne zum Steuerstand und mache Motor an, um die Manöverfähigkeit wieder zu gewinnen. Dabei bemerke ich nicht, dass der lose Schot des Gennakers im Wasser ist. Der Motor geht aus, wir haben die Leine in unserer Schraube.

Ich ziehe mich um und springe ins Wasser. Die Crew hat schon die Segel klargemacht und jetzt halten sie mich an einer Leine, während ich den Schot aus der Schraube entferne. Ich stelle fest dass die Schraube aus der Jacht um einen halben Zoll ausgezogen wurde. Wenn die Welle dazu noch gebogen wurde, haben wir eine große Ausgabe vor uns.

Nachdem der Schot entfernt wurde – was mich etliche Wunden gekostet hat – schauen wir uns die Situation im Motorraum an. Die elastische Kupplung der Welle ist auseinandergezogen, wir sollen also den Motor nicht verwenden. Unter Segeln kehren wir nach Saßnitz zurück, gegen den schwachen Wind, in der Hoffnung, dort Reparaturmöglichkeiten zu finden.

Auf Kreuz nähern wir uns langsam dem Hafen und ich benachrichtige den Hafenmeister, dass wir im Hafenbecken eventuell Manöverhilfe brauchen werden. Kurz darauf rauscht ein hochmotorisiertes Rettungsboot aus dem Hafen, passiert uns, und erst einige Minuten später durch den Funkruf seines Mutterschiffs erfahren wir, dass sie uns suchten. Hier wurde Manöverhilfe mit Notfall verwechselt. Wenn sie schon hier sind, ziehen sie uns in den Hafen und wir kommen in dieselbe Box in der wir übernachteten.

Jetzt bespreche ich mit dem Hafenmeister die Reparaturmöglichkeiten und werde mit der Botschaft überrascht, dass Saßnitz über einen Kran bis zu 6t verfügt, mehr nicht. Das ist viel zu wenig für die Anna Karin. Der Hafenmeister telefoniert mit der Marina in Lauterbach, dort steht ein ordentlicher Travelift zur Verfügung. Lauterbach wird auf uns warten, nur müssen wir dorthin segeln, morgen kommt aber ein Südwind.

Wir entscheiden sofort loszusegeln, über Nacht die Strecke gegen Süden entlang Rügens Ostküste zu schaffen und morgen früh die engen Fahrwässer südlich Rügen zu passieren. So fahren wir unter Segeln erst aus der Box (mit der Groß back), dann kreuzen wir im Hafenbecken auf. Die Nachbarn begleiten uns mit ihrer intakten Jacht, bereit uns zu helfen. Dies ist nicht notwendig, es dauert nur sehr lange. Nach dem Passieren des Molenkopfes segeln wir auf dem halben Wind Richtung Süden und planen das nächtliche Segeln.

Das Segeln in der Nacht am Ufer Rügens empfinde ich als stressig wegen zahlreiche Flachs. Noch vor Mitternacht erreichen wir den südlichsten Punkt unserer geplanten Strecke, wo das Wasser noch offen ist. Danach müssten wir in das enge Fahrwasser, es ist aber unbefeuert. So segeln wir hin und zurück an halben Winden zwischen Greifswalder Oie und einer ODAS Boje. Jede halbe Stunde eine Wende, alle zwei Stunden Wachwechsel.

Endlich kommt das erste Tageslicht. Im Morgengrauen sehen wir die Tonnen des Fahrwassers zwischen Rügen und Usedom. Entgegen der Prognose ändert der Wind die Richtung nicht, er kommt weiterhin von Südwesten. Wir müssen gegenan und zwar im sehr engen Fahrwasser. Wir kreuzen eng am Wind, jeder Schlag dauert wenige Minuten, jede Wende nur 2-3 Sekunden. Aus der Not – Tugend. Eine Person am Steuer, die zweite an der Seekarte, die dritte schläft. Wachwechsel alle zwei Stunden.

So passieren wir die Flachs und segeln auf etwas breiteren Rüggischen Bodden bis zur Insel Vilm, die uns von Lauterbach trennt. Wir runden diese Insel und an der Einfahrt zum Hafen Lauterbach wartet auf uns ein Motorboot der Firma „Im Jaich“, welche sich um die Reparaturen kümmert.

Anna Karin wird sehr professionel in die Dock verholt, wo der Travelift sie hebt. Ein Meister kuckt sich die Welle von Außen und von Innen an und stellt fest, dass die elastische Kupplung der einzige Verlust ist, den wir erlitten haben, die Welle und deren Lager intakt sind. So müssen wir „nur“ die Kupplung bestellen, warten bis sie kommt, und „Im Jaich“ wird sie montieren.

Dienstag, 11. August. Nach dem Warten auf die Lieferung und auf die Reparatur haben wir aus Zeitgründen keine Möglichkeit mehr, zu unserem ursprünglichen, großen Plan zurückzukehren. Wir fangen die Rückreise an und segeln an der Südseite Rügens in die Richtung Rostock. Der einzige Vorteil der ganzen Geschichte ist dass wir dieses Gewässer kennenlernen, sonst hätten wir keine Gelegenheit dazu.

Entlang der Cliffs segeln wir am halben Wind nach Südwesten. Hinter Palmer Ort müssen wir wieder in ein relativ enges Fahrwasser und segeln nach Osten vor dem Wind. Wir überlegen, wo die heutige Etappe uns führen soll – vielleicht spähen wir einen kleinen, sympathischen Hafen auf, wo es auch einen Winterlager gäbe? So peilen wir Stahlbrode an. Dazu verlassen wir das betonnte Fahrwasser und fahren in den Becken rein. Dort ist alles sehr eng, und die Welle scheppert Schiffe gegen die Ufer. Es gefällt uns nicht besonders, wir wenden am engsten Raum und mit viel Motorkraft sind wir bald wieder im Hauptstrom. Jetzt wollen wir nach Stralsund, dort wollen wir einige potentielle Winterlager aufsuchen.

Vor Stralsund müssen wir noch die Klappbrücke passieren. Diese öffnet zu festen Zeiten, dabei nur wenige davon – angeblich – gelten für Sportboote. Wir überlegen, in der Zeit endlich Ankern zu üben. Dann öffnet aber die Brücke und lässt auch Sportboote durch – da kommen wir natürlich mit. Im Stadthafen herrscht ein reger Verkehr, deshalb weichen wir in die Vereinsmarina auf Dänholm.

Donnerstag, 13. August. Stralsund ist eines Besuchs wert, und nach einem Hafentag sind wir uns sicher, dass wir hier noch mal kommen müssen. Winterlagerplatz haben wir aber nicht gefunden, alles voll, auch wenn in der Stadt breite Flächen brach liegen. Jetzt segeln wir nach Barhöft, wo wir letztes Jahr bei der Havarie unserer Kühlwasserpumpe waren. Diesmal kommen wir ohne besondere Erlebnisse dort an – und zwar ganz früh, sodass wir den Longside-Platz am Molenkopf kriegen, so wie es sich für einen Klassiker gehört.

Freitag, 14. August. Heute erwartet uns die lange Fahrt nach Rostock – es gibt keine Häfen dazwischen. So heißt es heute wieder früh aufstehen. Nach der Ausfahrt aus dem Tonnenstrich vor Hiddensee nehmen wir Westkurs an. Wir segeln vor dem schwachen Wind und wollen nicht mehr mit dem Gennaker experimentieren. Wir müssen also unsere immer wieder einfallende Genua stabilisieren, und endlich schaffen wir es mit dem Spibaum, indem wir auch ihn mit Leinen stabilisieren.

So erreichen wir Warnemünde. Es sit schon dunkel, aber wir entscheiden, direkt zum Heimathafen, also zum Verein zu fahren. Das bedeutet noch über eine Stunde entlang der Warnow, dafür aber machen wir endgültig fest. So endet unser abenteuerlicher Törn, und am Samstag fahren wir nach Hause.

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