Saisonanfang suboptimal

von Mikolaj Trzeciecki am 05.10.2020 / in Allgemein

Die Saison wurde durch die Plandämie verspätet. Die Regierungen der nördlichen Bundesländer haben uns von unserem Boot weggesperrt, also vom Winterlager (Holstein) und Sommerliegeplatz (Mecklenburg). Den Frühjahresurlaub, der für das Wassern, die Überführung, die Lackierung der Aufbauten, und vielleicht für den ersten Törn geplant wurde, verbrachten wir zu Hause, denn wir konnten ihn nicht umplanen, auch wegen Corona.

Wir konnten später das Boot an einem verlängerten Wochenende ins Wasse rlassen und überführen.

Bis zum zweiten Urlaub gibt es noch viel zeit, aber ich besuche das Boot ab und zu, ohne zu segeln. Ich arbeite in meinem Home Office aus, und im Feierabend mache ich etwas um das Boot herum, oder für den Verein.

Im Juni bin ich zu so einem Arbeitsaufenthalt mit meiner Mutter gekommen, um ihr endlich diesen wesentlichen Bestandteil meines Lebens zu zeigen. Ich wollte aber etwas mehr zeigen als nur das Stehen im Vereinshafen, sodass ich an einem Feierabend das Boot aus der Box rausfuhr und wir segelten runter die Warnow. Mein Freund Kai war auch am Bord und erzählte Interessantes über die Stellen die wir bei der Flussfahrt passierten. So haben wir die Mündung der Warnow erreicht. Eine sehr steife Brise schob Wellen direkt in die Mündung, sodass wir uns gezwungen sahen, umzudrehen, ohne die Molenköpfe passiert zu haben. Diese Entscheidung hat auch meine Mutter befürwortet, die durch den Wellengang sichtlich gestresst wurde. Wir fuhren jedoch in den Alten Strom rein, um doch noch etwas Neues zu erleben. Ich selber war noch nie mit dem Boot dort – wir passieren ja immer nur vorbei.

Wir fahren also mit dem Wind und der starken Welle rein in den Alten Strom. Wir müssen dem starken Verkehr der touristischen und sonstigen Schiffen vom Strom aus ausweichen, und so halten wir uns eher rechts. Auf der Steuerbordseite ragt der felsige Ufer der Aussenmole – da will ich auch nicht zu nah ran. Die unangenehmen Wellen kommen jetzt direkt vom Heck – das Boot kann das gut ab.

Ich versuche meine Aufmerksamkeit zwischen die Touristenschiffe links und den Ufer rechts zu teilen. Trotzdem gewinne ich den Eindruck, irgendwas ist nicht in Ordnung. Als ob wir nicht flott genug ankommen, trotz Wind und Welle vom Achtern… Das Lot zeigt… Moment, wann habe ich zum letzten Mal das Lot angeschaut? Jetzt zeigt er nur 1,3m! Das Boot fährt trotzdem weiter, wie durch Honig langsam… Es ist aber der Sand! Ich schalte rückwärts – es bringt aber nichts, der Wind und die Welen schieben uns weiter auf den Flach!

Kai versucht, durch wildes Winken die zahlreich herumfahrenden Schlauchboote mit übermäßigen Motoriesierung auf uns aufmerksam zu machen, die sehen uns aber offenbar nicht. Ich am Steuer probiere wilde Ideen aus, wie über den Flach mit Gewalt durchzufahren, ich weiß nicht aber, wie groß er ist. Laut Karte soll er überhaupt nicht hier sein. Die Felsen der Aussenmole nähern sich bedrohlich, das Boot setzt sich jetzt in jedem Wellental fest auch dem Boden – mit Krach. Ich renne also zur UKW Anlage und gebe eine „Panpan“ Meldung ab.

Die Verkehrszentrale Warnemünde hat Schwierigkeiten zu verstehen, wo wir sind. Sie könnten aus dem Fenster gucken,tun es aber nicht. Mein Wunsch ist es, dass sie den Rettungskreuzer, den wir ja nicht weit vor uns im Alten Strom sehen, dass sie ihr hochmotorisierte Beiboot zu uns schicken. Die wenigen PS werden sicherlich den Unterschied machen.

Meine Versuche, mich mit der Verkehrszentrale zu verständigen, sind genauso erfolglos, wie Kais Winken. Ich renne jetzt zum Steuerstand, fixiere den Ruder und gebe maximale Kraft achteraus. Die Drehzahl interessiert mich sekundär, sie ist bestimmt zu hoch auf Dauer. Aber kurzfristig muss es gehen! Ich höre die Schraube aus dem Wasser ragen, jedesmal wenn wir in einem Wellental sind. In jeder Welle greift die Schraube aber, sodass wir bald uns nicht mehr dem Ufer nähern. Noch ein Moment und das Boot langsam – wie im Honig – sich rückwärts bewegt. Eine weitere Weile und das Stampfen des Kiels gegen Boden aufhört – wir sind frei vom Flach. Ich kann die Drehzahl reduzieren und bald fahren wir Richtung Verein, im Hauptstrom.

Kai informiert die Verkehrszentrale, dass wir mit eigener Kraft freigeworden sind und kein Rettungseinsatz mehr notwendig ist. Die sollen den Rettungskreuzer benachrichtigen, der angeblich schon Motoren aufwärmt (warum der Kreuzer und nicht das Beiboot?) Kurz nach der Bestätigung der Zentrale müssen wir den Funkverkehr einstellen, da sich die Funke erregt (sind wir zu nah an die Sendeantenne?). Inzwischen habe ich eine weitere Sorge: in der zentralen Bilge, meinem „Weinkeller“, habe ich Wasser. Wieso ausgerechnet dort und sonst nicht? Bei einem Schaden durch das Auflaufen würde ich eher Wasser in der Tiefbilge, ganz im Heck, erwarten…! Egal, es scheint nicht zuzunehmen, wir fahren zum Verein, genug Stress für heute.

Es holt uns aber ein Wasserpolizeiboot ein. Wir müssen für das Einstellen des Funkverkehrsmit der Verkehrszentrale ein Knöllchen bezahlen. Die Polizisten verstehen, dass wir uns ums Wasser in der Bilge sorgen mussten, die Zentrale bestand aber angeblich an das Knöllchen. Diese Aufgaben müssen offensichtlich erfüllt werden, im Unterschied zum Halten des Alten Stroms auf die Solltiefe 4m, wie im Hafenlotsen und der Karte beschrieben.

Wenige Tage später slippen die Vereinskollegen das Boot hoch. Der Rumpf ist unbeschädigt, nicht mal die Antifounling-Farbe hat ein Zeichen der Bodenberührung. Die Ursache für das Wasser in meinem Weinkeller klärt sich beim nächsten Platzregen. Wir haben ein Leck durch Deck, hinter der Verkleidung, am Steuerbord entlang. Diesen Leck muss ich irgendwann beseitigen, inzwischen aber verstehe ich, dass „vor jedem Auslaufen Bilgen überprüfen“ keine leere Formalie ist.

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