Die lange Rückfahrt

von Mikolaj Trzeciecki / am 18.07.2019 / in Allgemein

Das Wetter meint es nicht gnädig mit uns. Die Prognose besagt Nullwind für Dienstag und Mittwoch und dann Starkwind (und gegenan) für Donnerstag. Wir sind total unsicher, was wir machen sollen und diskutieren heftig. Am Ende entscheiden wir uns für spätes Auslaufen am Dienstag (in der Früh herrscht eine totale Flaute), mit der Möglichkeit, in der Nacht zu segeln und so vor dem Starkwind in den Heimathafen anzukommen.

Vor dem Auslaufen machen wir noch einen Spaziergang in der Gegend von Skåre. Dann laufen wir aus und können eine Stunde segeln, dann ist der Wind weg. Die heisse, stehende Luft begünstigt Fata Morganas – wir sehen die Insel Mön mit ihrer Kliffs direkt vor uns, obwohl es fast 30 Meilen sind. Seltsamer weise lässt soch das nicht fotografieren.

Verzweifelt durch das lange Warten auf Wind – den wir gemäß Vorhersage auch in den nächsten 12 Stunden nicht bekommen sollen – machen wir den Motor an und fahren stundenlang so. Auf glatter See ist diese Motorfahrt sogar ganz ruhig und schnell, sodass wir noch vor dem Abend die Kliffs erreichen (jetzt ohne Fata Morgana). Der Tag hat aber noch weiter Überraschungen für uns parat: auf unserem Kurs sehen wir ein glänzendes Objekt, das sich ruckartig zu bewegen scheint. Mit Fernglas sehe ich, dass es kaum aus dem Wasser ragt. Ist das vielleicht ein Sehrohr eines U-Bootes? Sollen wir uns das anschauen oder wegschauen? Wir kommen näher ran – es ist ein Alu-beschichteter Luftballon. Den fischen wir raus, um der Meeresverschmutzung vorzubeugen.

Diese Aktion wird gleich durch eine Herde Delfine applaudiert. Sie kommen von nichts und spielen mit uns eine Stunde lang. Wir schalten gleich den Motor aus – es kommt jetzt sogar ein Bisschen Wind, und das sogar aus der achterlichen Richtung.

Als die Delfine verschwinden, ist es die höchste Zeit, die Entscheidung zu treffen: wollen wir in Klintholm übernachten, oder wollen wir durch die Nacht segeln. Es ist 20 Uhr, in den uns bekannten Hafen würden wir noch vor dem Sonnenuntergang schaffen. Wir entscheiden aber, Richtung Heimathafen zu fahren. Wir legen einen Reff in den Großsegel, verkleinern die Genua ein Bisschen, und verteilen die Wachen. Wenn wir damit fertig sind, bemerken wir, dass der Wind inzwischen auf volle 5 Windstärken gewachsen ist. So etwas in der Nacht erfordert mehr als einen Reff – wir reffen mehr und dann haue ich mich aufs Ohr.

Eine Stunde später weckt mich das Erkenntnis, dass wir inzwischen, mit unserer Rumpfgeschwindigkeit segelnd, die Gegend kurz vor der Kadettrinne erreicht haben. Dort möchte ich Agnieszka nicht alleine lassen und ich springe ins Cockpit. Dabei war der Plan, mit der gemütlichen Geschwindigkeit die die vorhersagten Windstärken erlaubten, diese Region erst im Morgengrauen zu erreichen. Soviel zu den Plänen.

In der Tat sind wir wenige Meilen vor dem gedanklich verlängerten VTG entfernt. Ganz plötzlich sehen wir uns durch die Positionslichter der Schiffe umgeben – da sie schon im „engen Fahrwasser“ sind, wenn auch nicht im VTG, haben die Vorfahrt. Die nächsten drei Stunden verbringen wir gemeinsam, indem wir die Schiffe peilen und sicherstellen, dass keine Zusammenstöße drohen.

So wird es ein echt stressige Nacht. Wir müssen beide auf die Schiffart und auf die Windrichtung achten – Wind dreht nämlich stark nach Osten und bald segeln wir fast Amwindkurs. Erst in der Nähe vom Darßer Ort könne wir abfallen, und die große Schifffahrt bleibt auch hinter uns. Jetzt setzen wir den Kurs nach Warnemünde und könne abwechselnd schlafen. Die wachhabende Person hat es aber wegen wechselnder Windstärke und Wellenrichtung nicht leicht. Die Welle kommt meistens vom Westen, und der Wind entscheidet sich irgendwann, dass er vom Süden kommt – also doch Amwindsegeln, und das bei 5-6 Windstärken.

Beim Morgengrauen erreichen wir den Tonnenstrich vor Warnemünde. Wir sind fast zu Hause. Der Wind flaut ab, und wechselt die Richtung auf West. Mit halben Wind segeln wir die Warnow hoch, wo es wenig Verkehr gibt. Kurz nach 9 Uhr docken wir an unserem Platz in der Verein an.

Das war ein anstrengendes Nachtsegeln. Die meiste Zeit hatten wir beide zu tun. Zum Stress hat beigetragen, dass wir das viel befahrene Gebiet ohne AIS und Plotter gequert haben. Bei den nächsten Törns werden wir versuchen, diesen Stück immer bei Tag zu fahren, zumindest bis wir besser ausgestattet sind. Diesmal hat aber der launische Wind meine Planung durcheinander gebracht. Grundsätzlich kannte der Wind bei diesem ganzen Törn nur zwei Stellungen: off (1-2 Bft) und on (5-6 Bft), das war auch anstrengend. Aber auch das muss man schaffen.

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